Nach einem Frühstück im Supermarkt wandele ich mit meinem völlig überladenen Rucksack stadtauswärts. Ein deutscher Urlauber (ja, sie sind leider überall) hatte mich am Vorabend schon gewarnt: "Es ist ein Stückchen zu Fuß, vielleicht 5 Kilometer. Naja, vielleicht auch nicht - aber so zwanzig Minuten gehen Sie schon bis zur Abzweigung". Gemeint ist die Abzweigung, wo die Straße aus dem kleinen Ort Höfen im Osten des Landes auf die Ringstraße 1 trifft.
Je weiter ich gehe, desto einsamer wird die Gegend und zwanzig Minuten sind (zumindest nach meinem subjektiven Zeitempfinden) längst vergangen, doch es ist keine Straße in Sicht, die mich durch die Ostfjorde bis nach Seydisfjördur bringen könnte. Zwei Schafe stellen sich mir in den Weg und schauen mich verdutzt an, als ob sie sagen wollten: Was machst du denn hier, Mensch? Deine Stadt ist dahinten.".
Da es mit der Kommunikation mit den Schafen nicht sonderlich klappte, ziehe ich es vor, die Straßenseite zu wechseln und einen Wanderer, der wie aus dem Nichts aufgetaucht ist, nach dem Weg zu fragen. Als er näher kommt, erkenne ich ihn: Es ist Jéròme aus einem Vorort von Paris, den ich schon aus der Jugendherberge kenne. Immerhin ist er sich sicher, dass es diese Abzweigung gibt und dass wir sie noch nicht passiert haben.
Nach einer halben Stunde und etlichen weiteren Zusammenkünften mit Schafen können wir in der Ferne einen Parkplatz mit Informationstafeln entdecken, wo auch die Straße verzweigt. Hier trennen sich unsere Wege: Jéròme will ein wenig wandern im Gebirge und wird die kommenden Nächte im Zelt irgendwo in der Wildnis verbringen - ich hingegen entledige mich meines Gepäcks und warte geduldig auf ein Auto, das mich mitnimmt.
Nach vielleicht zehn Minuten und drei Autos halten Sietske, 23 und Andy, 19 aus Arnheim, Niederlande an und laden mich ein, eine halbe Stunde bei ihnen mitzufahren. Ich bin etwas verwundert, denn laut meiner Karte gibt es in der nächsten halben Stunde oder den nächsten 30 Kilometern überhaupt keinen Ort, lasse mir aber nichts anmerken und springe ins Auto. "Naja, wir wollen eigentlich in die ganz andere Richtung, wir haben eine Jeeptour gebucht, aber es ist noch etwas Zeit und da wir dich gerade gesehen haben, dachten wir, wir fahren mal ein bisschen in diese Richtung und schauen, wie die Landschaft hier so aussieht!", klärt Andy lachend meine sichtliche Verwirrung auf.
Nach einer angeregten Unterhaltung werde ich auf einem Parkplatz abgesetzt, wo die beiden drehen - um mich herum Berge und ein traumhafter Fjord. "Wer weiß, wie lange du hier sitzen musst,", sagt Sietske mit ein wenig Mitleid, "nimm wenigstens ein paar Kekse und eine Flasche Wasser von uns, wir haben ohnehin zu viel davon."
Da sitze ich nun alleine im Nirgendwo, aber mit einer malerischen Kulisse im Hintergrund.
Kein Auto in Sicht.
Ich ordne die Geschenke meiner niederländischen Freunde zu einem Stilleben an. Minuten vergehen.
Immer noch kein Auto.
Ich erprobe den Selbstauslöser meiner Kamera und mache ein paar Fotos.
Und da - plötzlich - ein Brummen von irgendwo in der Ferne. Ein Wagen kommt näher. Ich springe auf, sprinte zur Straße, signalisiere meinen Fahrtwunsch. Der Fahrer tritt in die Bremse, er kommt zum stehen, die Inassen richten ihre Augen auf mich: "Ja, wir fahren in die Richtung, bis Egilsstadir", sagt der Fahrer. "Ach, das ist ja klasse. Nehmt ihr mich mit?", frage ich höflich. "Ähhm, ach so, du willst nur mitgenommen werden?! Wir dachten, du brauchst Hilfe." - das Fenster wird wieder hochgekurbelt, der Motor heult auf und schon verschwinden sie am Horizont.
Zwischendurch hält ein bayerisches Ehepaar an und begrüßt mich mit den Worten "Nur schnell a Foto machen, gell?" - leider fahren Sie in die falsche Richtung. Ich erzähle von meiner Anhalter-Tour. Ob ich Pause mache, wollen sie wissen. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen und sage: "Ja, Zwangspause sozusagen." Bevor sie in ihr Auto steigen, sagt die Dame mir noch, dass ich ja recht manierlich aussehe und sie mich auf jeden Fall mitnehmen würden, wenn ich nicht in die andere Richtung müsste. Ihr Mann meint daraufhin dann allerdings, sie hätten auch schonmal einen mit Glatze getroffen und mit dem hätte man auch sehr nett reden können. Als sie mir dann noch erzählen, dass das Trampen in Deutschland ja auch viel gefährlicher ist als in Island, bin ich ziemlich erleichtert, dass sie ihre Reise fortsetzen und mich allein zurücklassen.
Letztlich werde ich dann nach einer guten Stunde Wartezeit von einem abenteuerlustigen schweizer Pärchen aufgesammelt, das mit mir über die Berge brettert. Wir nennen es scherzhaft "Abkürzung", auch wenn es wahrscheinlich doppelt so lange dauert, als wenn man per Ringstraße das Gebirge einfach umfährt. Wer das auf eigene Gefahr nachmachen will (Geländewagen nicht erforderlich), der sollte kurz vor Berufjördur die Ringstraße verlassen und nach links abbiegen.
Hat man die Bergfahrt ohne Achsenbruch und sonstige Schäden überstanden und fährt weiter auf der Ringstraße Richtung Egilsstadir, so kommt man an einen glasklaren See, der von Islands ältestem "Wald" (Hallormsstadarskógar) umgeben ist. Naja, da es so gut wie keinen Wald gibt, ist es vielleicht berechtigt, dass manche Reiseführer es zu den Hauptattraktionen des Landes zählen.
Impressionen







